Archiv für Juni 2010

30
Jun
10

Tübinger Bund des Gleichens

Heute: Stendhal, Stammtisch, Wulff und Gauck

Alfred Döblin hat über Stendhal gesagt: „Stendhal zeigt lustig und schamlos, persiflierend und meckernd diese Welt.“ Der Stammtisch Unser Huhn hätte es sehr gerne, wenn irgendjemand irgendwann hergehen könnte und so was über ihn sagen könnte wie dieses: „Mensch, der Stammtisch Unser Huhn zeigt lustig und schamlos, persiflierend und meckernd diese Welt.“ Klingt nämlich annehmbar. Es würde uns Freude bereiten. Gerade heute, wo aus allen Kanälen Bundespräsidentenkandidaten herauströpfeln. Während unser Vorschlag „Wildecker Herzbuben“, den wir aus guten Gründen anbrachten, in der gesamten Berichterstattung keinerlei Erwähnung fand.

Was für kluge Leute Bundespräsidenten sein können, zeigt sich in der Gestalt des ehemaligen Johannes Rau, der am 21. März 2003 sagte: „Jetzt gilt es pro zu sein und nicht anti.“ Eigentlich wollte Rau sagen: „Jetzt gilt es, Prostata zu sein und nicht Antipasta.“ Dann ging ihm aber doch noch auf, dass dieser Ausspruch noch einen Tick weniger Sinn ergibt als der, der dann überliefert wurde. Und er strich „stata“ und „pasta“.

Im übrigen hieß es im Fernsehen über den Pfaffen: „Die Netzgemeinde ist von Gauck begeistert.“ In dieser Netzgemeinde sind wir nicht ansässig.

Neulich haben wir aber dem Fernsehen immerhin entnehmen können, dass Elephanten-Urin wie Lakritz riecht. Diese kleine Information scheint nützlicher als der gesamte Wulff.

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30
Jun
10

rororo ist der König! Revolution am 17. Mai – vor 60 Jahren …

Es geschah am 17. Juni 1950. Auf den Tag genau drei Jahre später würden die Arbeiter in Ostberlin auf die Straße gehen, am 17. Juni 1950 hingegen machte der Rowohlt Verlag Revolution – die ersten vier »rororo«-Taschenbuchtitel kamen auf den Markt.

Nach dem Krieg hatte Rowohlt zunächst (für eine Reichsmark) die »Rowohlts Rotations-Romane« unters Volk gebracht, auf billigem, schlechtem Zeitungspapier, im Rotationsdruck, im Zeitungs-Großformat. Dann sah sein Partner Ledig in den USA die dort populären Taschenbücher, und die Idee war geboren, so etwas auch in Deutschland einzuführen.

Mehr als den Stundenlohn eines Arbeiters sollte so ein Buch nicht kosten – 1,50 DM pro Band. Eine Startauflage von 50.000 Stück pro Band machten ihn möglich. Der Druck war oft winzig klein, das Papier mies – immer noch Zeitungspapier und Rotationsdruck, nur nicht mehr das große Format; ein leinener Buchrücken sollte die Gediegenheit fest gebundener Bücher vortäuschen. (1961 konnte man darauf verzichten: Das Taschenbuch hatte sich hierzulande durchgesetzt, war akzeptiert).

Die Resonanz des Publikums war sehr positiv: Schon 1951 wurde das zweimillionste Taschenbuch gedruckt. Zur Feier des Jubiläums ließ sich der Verlag etwas Besonderes einfallen: Bei 50 Exemplaren von Edgar Maass‘ Titel »Der Traum Philipps II.« war an einer Stelle das Wort »König« durch »rororo« ersetzt worden. Wer ein solches Exemplar besaß, wurde lebenslang mit den rororo-Neuerscheinungen beliefert.

Leider sind die Namen der damaligen Gewinner nicht mehr überliefert – das Rowohlt-Archiv brannte 1970 komplett aus. Eine schöne Geschichte ist es dennoch …

Um die rororo-Preise billig zu halten, schaltete Rowohlt auch Reklame in seinen Taschenbüchern – für Pfandbriefe und Parfüm, für Zigaretten und Benzin. Manch Interessantes erfuhr man dabei, denn z. B. die Pfandbrief-Reklame war auf den Inhalt des Bandes abgestimmt – in Upton Sinclairs »So macht man Dollars« erfuhr man, daß manche Dollarnoten in den 20er Jahren so großformatig waren, daß sie scherzhaft »Pferdedecken« genannt wurden, und in dem Band des Algerienfranzosen Albert Camus »Die Pest« hieß es: »War Algerien einst ein exotisches, fernes Reiseziel, so erfahren es heute immer mehr deutsche Touristen mit der NSU Quickly«, einem populären 1,4-PS-Moped. Das waren noch Zeiten: Hartgesottene Touristen und friedliches, bereisbares Algerien … (Auch das Archiv von NSU existiert übrigens nimmer: Es verschwand nicht durch Feuer, sondern durch mehrfaches Hochwasser der Sulm). Gottfried Benn sagte über die ersten rororo-Taschenbücher: »Das mit der Zigarettenreklame im Buch finde ich nicht schlimm, vielmehr sehr modern. Was die deutsche Innerlichkeit dazu sagt, ist mittlerweile völlig gleichgültig, die will ihren Schlafrock und ihre Ruhe haben und ihre Kinder dußlig halten …« Und heute wäre »Zigarettenreklame« shocking. O tempora, o mores.

29
Jun
10

Deutsche Eier

Eine Schüsselfrage

In einem von Johann Gottfried Herder in seinen „Stimmen der Völker“ überlieferten estnischen Volkslied, das sich wider die deutschen Tyrannen richtet, heißt es:

Unsere Hühner legen Eier
alle für des Deutschen Schüssel.

Der Stammtisch Unser Huhn möcht‘ freilich kein einziges Ei für des Deutschen Schüssel legen.

29
Jun
10

Tübingen-Kalkutta

Harald Schmidt und das Bahnhofsklo

Neulich hat Harald Schmidt über Erfahrungen bei seinem Aufenthalt in Tübingen berichtet, mit dem Satz:
„Auf der Tübinger Bahnhofstoilette kam ich mir vor wie in Kalkutta.“

Das mag gut beobachtet sein. Wahrscheinlich waren die Toiletten im Zug wegen Überfüllung oder Personenschäden geschlossen. Und in dem Piss-Loch der Unterführung hielt sich Schmidt wahrscheinlich gar nicht auf.

Was würde Schmidt gesagt, wäre er im Lokus beim Rathaus angekommen?

Die Situation ist allerdings insgesamt bereits bekannt, man bräuchte keinen Schmidt, um sie zu erkennen.

Am 18. Januar 1965 meldete das Tagblatt:
Mit den Tübinger öffentlichen Klos steht es nicht zum Besten.
Es sind zu wenige und die sind kaum betretbar.

Am 14. Januar 1970 meldet das Tagblatt:
Bedürfnisanstalten sind in Tübingen ein rarer Artikel
und ein delikates Thema.

27 Jahre später meldet das Tagblatt:
In öffentlichen Toiletten herrschen klebrige Deckel und ätzender Gestank vor.

Also besser noch daheim gehen. Oder zwei künstliche Ausgänge anbringen.
Manche Reisenden sagen aber auch, sie schlössen sich lieber im Lokus ein, als den Bahnhof in Richtung Stadt zu verlassen. Allerdings tun sie dieses nur mit den angstvollen Augen kund. Es gibt wenig schriftliche Zeugnisse darüber.


28
Jun
10

Apropos Hölderlin

Der Grabrumdreher Wulf Segebrecht

Anläßlich der Homburger Hölderlin-Auspreisung, die der Stammtisch Unser Huhn loben konnte, schreibt unter der Überschrift „Hölderlins Albtraum“ Wulf Segebrecht in der FAZ: „Man hat Georg Kreisler für sein Gesamtwerk jüngst mit dem Hölderlin-Preis der Stadt Homburg ausgezeichnet.“ Gut. „Ob Hölderlin sich im Grabe umdrehen würde, wenn er Kreislers Gedichte lesen würde, sei einmal dahingestellt. Vermutlich schon.“ Ja, vielleicht. Aber, so Segebrecht weiter merkwürdelnd, „allein diese mutmaßliche Wunderwirkung seiner Gedichte würde es rechtfertigen, Georg Kreisler den Hölderlin-Preis zu verleihen.“ Denn „schließlich haben diesen Preis schon ganz andere Autoren erhalten, deren Texte Hölderlin kaum zu so erstaunlichen Rotationsbewegungen im Grabe veranlasst haben dürften.“ Nämlich beispielsweise Martin Walser, Rüdiger Safranski und Marcel Reich-Ranicki.“ Und jetzt schlägt Segebrecht zu: „Deren Gedichte erwarten wir übrigens mit Ungeduld.“
Der Stammtisch Unser Huhn weiß gewiss, dass das Grab Hölderlins nicht in Bad Homburg liegt. Er ist nicht nur im Besitz der langen grünen Wollunterhose des Dichters, dem einzigen erhaltenen Kleidungsstück, sondern zudem bekanntlich weltweit der einzige Stammtisch, der der Hölderlin-Gesellschaft Mitgliedsbeiträge zahlt. Daher sind wir besonders dazu befähigt, zu wissen, was in seinem Grab wirklich geschieht. Wir kennen die Bestattungsunternehmer, die hier tätig waren und wissen welche Kreaturen sie nächtlicherweile im Boden versenkten. Aber wir sagen es nicht weiter. Nicht mal bei der nächsten Tagung der H-Gesellschaft. Wir könnten uns aber vorstellen, auf dem Grab Hölderlins einmal eine Lesung mit Gedichten von Uwe Grünbein oder Durs Kolbe abzuhalten, während ein Seismograph die leisesten Erschütterungen misst. Es wird sich aber kein winzigs Knöchlein rühren.
Andererseits warten wir natürlich keineswegs auf die Gedichte von Martin Walser oder gar Rüdiger Safranski.
Keine Sekunde. Weder an der Bushaltestelle Horemer noch in der Hölderlinstraße.

28
Jun
10

Videobeweis: Der Ball war n i c h t drin!

Kein weiterer Kommentar.

26
Jun
10

Stammtisch Unser Hahne

Peters Fußkäse

Es wäre „einem“ (Prof. Hans R. Seeliger), in dem Falle dem antiklerikalen Stammtisch Unser Huhn, fast lieber, es gäbe Gott wirklich als dass dieser Peter Hahne, der morgen früh Frau Käßmann austalkt, als Haupstadtstudioleiter existiert. Schön wäre es, wenn wir sagen könnten: „Wir sind gottfroh, ohne Gott und diesen Peter Hahne froh sein können.“