Archiv für August 2010

31
Aug
10

Tübinger Bund des Gleichens

Heute: Stammtisch Unser Huhn, Goethe und der Fuchs

In dem “prima Buch” (Nietzsche) von Johann Peter Eckermann „Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens“ lesen wir unter Montag, dem 5. Juni 1826:
Goethe erzählte mir, daß der junge Maler Friedrich Preller bei ihm gewesen und Abschied genommen, um auf einige Jahre nach Italien zu gehen: „Als Reisesegen“, sagte Goethe, „habe ich ihm geraten, sich nicht verwirren zu lassen“.
Das will der Stammtisch Unser Huhn ebenfalls, darin durchaus “goethereif”, einer jeden und einem jeden raten, zudem aber, daß sie oder er, sollte sie oder er schon verwirrt sein, alsbald auch wieder vom Verirrungswege abkommen möge. Das ist gewiss nicht einfach, in einer „Informationsgesellschaft“, in der die meisten sie oder er in jammervoller Unwissenheit leben.
Aber  aller Anstrengungen von sie oder er wert.
Der Stammtisch Unser Huhn teilt an sie oder er gerne Reisesegen aus, hat aber auch Mittel und Wege, jede Verwirrung bei sie oder er zu erkennen. Hilflose Ankündigungen wie “Ich bin dann mal weg!” haben da keinen Bestand.
Wir sagen ihr oder ihm, was der Rotfuchs zum Esel sprach, der sich in eine Löwenhaut gehüllt hatte: Deine Maske nützt dir nichts, man kennt dich an der Stimme.


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30
Aug
10

Was wird morgen sein?

Der Stammtisch Unser Huhn kennt die Antwort

George Sand (1804-1876), die “bretonische Kuh der Literatur” (Jules Renard), ließ manchen Fladen zurück. Einmal hat eine junge Roman-Frau, die sie innerlich ausgedörrt “von dem ewigen Hunger nach dem Unmöglichen” darstellt, gesagt: “Wenn ich den Abgrund des einen Tages erfolgreich aufgefüllt habe,frage ich mich schon ängstlich, womit ich den morgigen auffüllen kann.”
Ja, so ist das recht, die eine Jauchegrube ist vollgeschissen, die nächste sperrt schon das Maul auf. Oder ein Zahnloch, in das eine Füllung praktiziert wird, während der nebenliegende schon von Karies zerfressen ist. Zum Gähnen! Und im Gähnen sperrt sich “der Mensch” (H.E.Holthusen) als Abgrund auf.
Viele fürchten sich vor dem Abgrund, manchmal scheint die Sehnsucht gar zu groß für den kleinen Menschen. Viele sehen den Wechsel der Tage mit Rosettenklappern. Sie fragen sich: Was wird morgen sein?
Ja, was ist morgen? Der Stammtisch Unser Huhn sagt: “Langsam!” Und: “Es stimmt. Heute ist ein Tag.” Genauer: “Heute ist Montag.” Und zwar nicht nur am Tübinger Europaplatz, wo unsere Papstgaststätte steht. Er fährt fort: “Wenn aber heute Montag ist, ist morgen ein anderer Tag.” Genauer: “Morgen ist Dienstag.”
An den Dienstagen aber tritt der Stammtisch Unser Huhn zusammen. Auch, um jähe Abgründe aus der Wirklichkeit auszuschließen. Alle Probleme sind uns seit längerem bekannt, ob Tabus oder Stadtbus.
Demnächst mehr.

30
Aug
10

Prof. Gert Ueding, Prof. Roman Herzog, Prof. Werner Herzog

Eine Anekdote aus dem Leben des Stammtischs Unser Huhn

Bei einem Besuch des Bundespräsidenten Roman Herzog – wer weiß, wann das war – sollte dieser irgendeine Rede in der Neuen Aula halten und wurde dort von einem Aufgebot an rhetorischen und unrhetorischen Professoren empfangen, vielleicht hat der Mann auch einen Preis bekommen für seine “Ruck”-Rede. Irgend sowas.
Jedenfalls hatte der Stammtisch Unser Huhn, vielerfahren in Huldigung und Lobpreis, vorab ein großes Transparent gemalt, das er tapfer auf der Treppe in die Höhe hielt. Aufschrift: “Stammtisch Unser Huhn grüßt Werner Herzog.”
Ein Polizeiwichtigtu-Einsatzleiter kam zu uns und sagte: “Aber Sie wissen schon, dass der Herr Bundespräsident Herzog mit Vornamen Roman heißt?” Wir darauf so: “Nein, wirklich, wieso Bundespräsident? Kommt heute nicht der berühmte Filmregisseur Herzog in die Stadt Tübingen, die ja bekanntlich keine Universität hat, sondern eine Universität ist?”
Der wichtige Polizist wandte sich bereits in diesem frühen Antwortstadium ab und fragte dann den wichtigen Professor: “Was sind das für Leute?”
“Das ist ein rechtsradikaler Stammtisch,” sagte Ueding darauf.
Dann fuhren schon große Autos vor, einem davon entstieg der Bundespräsident. Die Menge strömte mit ihm in die Halle, wahrscheinlich um ihn seine Rede „gegen die Großkopfeten“ und solche Leute halten zu hören. Zuvor sagte Ueding vermutlich noch, der Bundespräsident sei dafür berühmt, “unbequeme Wahrheiten” auszusprechen. Oder so ähnlich.
Wir rollten unser Transparent zusammen und gingen fort.

Damals entsprang dem Lyrik-Treteimer des Stammtischs dieser kleinen Beitrag:

Der Rheto-Ruck
Präsident Werner Herzog gewidmet,
dem Diener „unbequemer Wahrheiten“
(Gert Ueding)


In den leeren Zeiten von Haushaltsloch und Sinneskrise
bringts gar nix, Fragezeichen an die Wand zu rotzen.

Nix nützt es! –

Viel besser wärs, mit wiehernder Rosse Kanonengebrüll
donnernde Rede in die Schlaffheit der Lochkrise hineinzuprotzen.

Besser wär das! –

Also käme es gut, noch viel mehr Wahrheit von Herzog zu hören,
um die Großkopfeten ordentlich zu verstören.

Käme echt gut! –

29
Aug
10

Hühnerdumm

Der Oscar-nominierte Filmregisseur Werner Herzog ist irgendwie beängstigend

Für viele Menschen ist der Stammtisch Unser Huhn das, was der schützende Flügel der Henne für das Ei ist.
Und? Was geschieht?
Werner Herzog pflegt eine intensive Abneigung gegen Hühner.
Die Hühner sähen ausgenommen dumm aus, sagte der Oscar-nominierte Filmemacher in einem auf der Videoplattform You-Tube veröffentlichten Interview, wie am 25. August 2010 die “Blick in die Welt”-Seite der angeblichen “Südwestpresse” meldete. Herzog: “Es ist irgendwie beängstigend.” Die heutigen Hühner seien überzüchtet und könnten in großen Scharen gehalten zu Kannibalen werden, begründete der 67-jährige seine “seltsame Abneigung”.
Wir sind zwar direkt keine Hühner, nehmen aber “die Hühner” schützend unter unsere Fittiche. Wären wir Kinski, “das Genie Kinski”, ei, so wollten wir dem hühnerkenntnislosen Werner „Windei“ Herzog, im Namen der Hühner, mal so richtig “die Peitsche in die Fresse hauen”. Echt jetzt mal! Oder zu „Kannibalen“ werden. Aber das welke Fleisch des dürren Oscar-Nominierten schreckt uns ab.
Wir sind doch auch nicht Kinski. Eigentlich ein Segen. “Das Genie Kinski” ist ja, neben all seinen anderen Eigenschaften, sowieso tot. Der Stammtisch Unser Huhn lebt und gedenkt dieses noch etliche Viertelstunden zu tun. Er schreitet dabei voran und gackert und kräht kräftig seine Kampfparole:
Verjagen wir die Arschlöcher aus dem Räuberhaus!


28
Aug
10

Macht Tübingen noch blau?

Farbliches für OBBP (Kultur-Blindschleiche)

Der Stammtisch Unser Huhn liest zum zweiten Mal Cesare Paveses Tagebuch “Handwerk des Lebens” und findet darin auf Seite 60 die Sätze: “Wir gehen mit Massen ungewisser Farbe um, glauben oft, da wäre ein Rot, aber es ist ein Blau, und zittern immer ängstlich, sowie wir unterscheiden wollen. Die Tragödie des Männchens, das in der Dämmerung eine Menge Blau aufgehäuft haben muss – und im Dunkeln tastet er und fürchtet immer, Rot zu wählen, und hernach ist es womöglich Gelb. Das Gewissen ist nicht mehr als ein Wittern, eine Farbe, die man vom Tastsinn her kennt.”
Sie stammen vom 31. Dezember 1937.
Der Stammtisch Unser Huhn nimmt diese kleine Passage heraus und stellt dem Tübinger Oberbürgermeister anheim, sie wo er will zu lesen, so lang er will darüber nachzudenken und sie eventuell sogar eines Tages zu verstehen, so oder so.
Wir halten dessen auch eine „Blindschleiche“ für fähig.


26
Aug
10

Georg Wilhelm Friedrich Hackenesch

Der Tagblatt-Anzeiger über die Hegelstraße

Im “Tagblatt-Anzeiger” wird am 25. August 2010 im Rahmen der Serie “Straßen im Kreis Tübingen” die Hegelstraße vorgestellt. Dabei wird gesagt, am 17. Juni 1792 habe die Hegelstraße, als sie im Stift kaserniert war, in ihr Tagebuch notiert: „Wenn ich doch nur etwas mehr Esprit hätte. Ich trinke und trinke, damit ich ein wenig leichter werde – und werde doch nur schwerer … Hölderlin raucht auch zuviel. Obwohl – dafür trinke ich mehr. Rauchen und Trinken – das ist unsere Opposition, wie jämmerlich. Aber was bleibt einem sonst hier. Besser noch, im Boulanger zu hocken, als im Stift zu beten. Ach, ich werde banal. Wenigstens witzig sollte ich sein!“ Es gibt natürlich gar kein Tübinger Tagebuch der Hegelstraße. Es hat nie eins gegeben. Eine Frau Hackenesch hat die Äußerungen “frei und schlecht” (Ernst Jandl) erfunden und der Hegelstraße zugeschrieben.
Die Autorin ist über Hackenesch in die Hegelstraße gekommen.
Artikel über die Hegelstraße sollten wenigstens witzig sein.
Der Autorin fehlt eventuell ein Plan.
Eine Karte.
Ein Navigationsgerät.
Einen Artikel über den Esprit der Hackeneschstraße will der Stammtisch Unser Huhn, als alter Hegel-Kenner, nun in keinem Falle lesen.

25
Aug
10

Tübinger Bund des Gleichens

Grundlegende Erkenntnis von William Carlos Williams und dem Stammtisch Unser Huhn

Der Stammtisch Unser Huhn war nicht dabei, er gibt nur wieder, was passiert ist damals.
Der amerikanische Landarzt William Carlos Williams, im Jahre 1963 verstorben, hatte nämlich eines Tages einen Besucher bei sich, in seiner Praxis in der Kleinstadt Rutherford in New Jersey.
Mit dem Besucher stellte er sich ans Fenster seiner Praxis.
Dorthin, von wo aus er viele Jahre die ganzen Vorgänge beobachtet hatte, wie alte Weiber mit Handkarren vorüberschlurften und junge Mädchen mit roten Lackschuhen zu ihren Boyfriends trippelten, Spatzen sich auf den Pferdeäpfeln balgten, Birnen auf Zaunpfählen vermoderten. Um dann Gedichte darüber zu schreiben.
Vor dieses Fenster also führte William Carlos Williams seinen Besucher. Sie schauten hinaus und mit einer wahrscheinlich weitausholenden Armbewegung sagte der Armenarzt:
„Wissen Sie, es gibt eine Menge Drecksäcke dort draußen.“
Und er meinte natürlich weder die alten Weiber noch die jungen Mädchen oder gar die Spatzen.
Der Landarzt hat viele Gedichte geschrieben, von denen uns, wie den Besucher, einige mehr erstaunen, als man sagen kann.
Einer seiner Übersetzer hat einmal sinngemäß von Williams gesagt:
Wenn er aus dem Fenster seiner Landarzt-Praxis in den Hinterhof blickte, sah er mehr als ganz New York an einem Fernsehwochenende.
Der Stammtisch Unser Huhn schaut manchmal aus dem Fenster, nicht nur, wenn er in der Papstgaststätte (Europaplatz, kein Minütchen vom Hauptbahnhof) sitzt.
Er schließt sich dem Landarzt an:
Wer hinaus in den Morgen tritt, den Tag, den Abend oder die Nacht
wer unwerwegs ist und wer nachhause geht,
und wer wach bleibt oder schlafen geht,
vergesse bitte nie und nimmer nicht:
“Es gibt eine Menge Drecksäcke dort draußen.”