Archiv für Dezember 2010

31
Dez
10

Mal herhören, ihr Gauner!

Diebstahl von Lenin-Plakaten bei der 1. Tübinger Urinale

Vor hundert Jahren trug der junge Dichter Georg Heym in sein Tagebuch ein: „Ach, es ist furchtbar. Schlimmer kann es auch 1820 nicht gewesen sein.“
Und Alma Mahler-Werfel, die unbegreiflichste aller Erscheinungen in der Damenwelt, hat Silvester „eine blöde, sinnlose Nacht“ genannt. Ja, aber wenn, Alma, dann doch nicht mehr als die Nacht vom dreizehnten auf den vierzehnten April.

Dem Stammtisch Unser Huhn
bleibt nix anders zu tun,
als zu wünschen ein glückselig neu Johr,
eine Brezel wie ein Scheunentor,
ein Lebkuchenstück wie ne Ofenplatt,
da werden wir all miteinander satt.


Doch bevor das Jahr zu Ende geht, wollten wir uns noch einmal ärgern. Bei der „Ersten Tübinger Urinale“ im Rahmen der „Tübinger Kulturnacht“ haben uns bei der Veranstaltung in der Papstgaststätte unreine Geister und feige Elemente besucht, die im Untergeschoss zwei alte Lenin-Plakate gestohlen haben.
Euch gehören doch die Hammelbeine langgezogen, abgeschnitten und nach Dußlingen gebracht!
Ihr seid von unsern guten Wünschen ausgeschlossen!

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30
Dez
10

Tübinger Bund des Gleichens

Hans Natonek und der Stammtisch Unser Huhn

Dem Schriftsteller Hans Natonek (1892 in Prag geboren, 1963 in Tucson verstorben) sind vermutlich viele dumme Leute auf seinem Weg begegnet. Das ist eigentlich der Normalfall. Über Begegnungen der besonders dummen Art hat er geschrieben: „Wenn einer mit ausgestreckter Biederpratze auf mich zukommt und sagt: „Da haben Sie mir wirklich einmal aus dem Herzen gesprochen“, dann zucke ich erschreckt zusammen und denke: Was habe ich denn Dummes, Banales und Brutales geschrieben?“ Dem Stammtisch Unser Huhn unterlaufen auch Begegnungen dieser Art. Wir erkennen natürlich klar und überlegen die Sachlage sofort. Sogar, wer sagen täte, man habe ihm wirklich einmal aus der abseitigen Mördergrube gesprochen, könnte uns nicht täuschen.

30
Dez
10

Ramsch-Hour bei Ramsauer

Der Verkehrsminister gibt sich die Leere

Ganz früher kamen teutonische Gelehrte mit bebenden Wotansbärten daher, um die Sprache von erbfeindlichen Schmutzflecken zu säubern. Heute sind es gutrasierte Dummbärte, die der deutschen Sprachleitkultur wieder zu Bocksprüngen verhelfen wollen.
Im Verkehrsministerium vorerst.

Flipcharts sollen dort Tafelschreibblöcke heißen,
Beamer wird Datenprojektor,
E-Mail elektronische Nachricht,
Galadinner festliches Abendessen,
Know-how Wissen,
Travel Management Reisestelle,
keynote speech Grundsatzrede,
Team Gruppe.

Mitten in den Schneestürmen noch ein Gewittersturm aus Bockmist.

Das einzige Lohnenswerte an „det Janze“ (Baron von Wrangel) ist die Möglichkeit, Karl Kraus zu zitieren. Mit seiner Speisekarten-Darstellung aus dem Weltkrieg.

Kraus:
„Ich weiß nicht, was das ist, aber seitdem ich statt einer Potage à la Colbert eine "Suppe mit Wurzelwerk und verlorenem Ei", statt Irish stew "Hammelfleisch im Topf auf bürgerliche Art", ein "Mischgericht" statt eines Ragout, keinen Vol-au-vent, sondern eine "Blätterteighohlpastete" und dazu nicht Mixed pickles, sondern im Gegenteil "Scharfes Allerlei" zu essen bekomme, und wenn mir ein Appetitbrot genügte, "Reizbrot, Leckerschnitte", statt einer Sauce tartare "Tartaren-Tunke (Soß)'', statt einer Sauce Mayonnaise "Eieröltunke (Soß)'', statt Sardellensauce "Sardellentunke" oder "Sardellensose", wobei der Patriot ohnehin schon ein Auge zudrückt, statt eines garnierten Rindfleisches entweder ein "Rindfleisch umlegt (mit Beilagen)" oder mit "Gemüse-Randbeilagen (Umkränzung)", statt Pommes à la maitre d'hotel "Erdäpfel nach Haushofmeister-Art" und ein "Rumpfstück", ein "Beiried-Doppelstück", ein "Rinds-Lenden-Doppelstück" oder ein "blutiges Zwischenstück", entweder "mit Teufelstunke" oder "mit Bearner Tunke", wobei das unübersetzbare Bearner schwer verdaulich ist, oder gar "auf Bordelaiser Art", unter der ich mir nichts vorstellen kann, während ich einst doch wußte, wie das Leben à la Bordelaise beschaffen war, seitdem ein "Erdäpfelmus-Brei, frisch gemacht", ein "Blumenkohl mit holländischer Tunke (Sos)" oder mit "Holländersose" oder ebenderselbe "überkrustet" auf den Tisch kommt, seitdem es, ach, "Volksgartenlendenschnitten" gibt. [,] "Schnee-Eierkuchen mit Obstmus", die Maccaroni verständlicher Weise "Treubruchnudeln" heißen, der Russische Salat aber "Nordischer Salat" und zwischen einem Wälischen und einem Welschen Salat zu unterscheiden ist, welch letzterer auch "Schurkensalat" genannt wird, seitdem für "zwei verlorene Eier" nur ein ehrlicher Finder gesucht wird und mir zum Nachtisch "Näschereien" geboten werden, sei es "ein Päckchen Knusperchen" oder "Kecks" oder gar eine "Krem" oder - - Hilfe? - ein "Hofratskäschen" statt eines Romadour, - seitdem, ich weiß nicht, wie das kommt, ist halt alles so teuer geworden! Ja, ich versteh nicht, warum diese deutschen Übersetzungen und die dazu notwendigen Erklärungen auf Französisch und Deutsch gar so kostspielig sind!“

29
Dez
10

Vorläufig-Unendgültiges zu Ernst Bloch

Sumsemann im Bademantel

Der Stammtisch Unser Huhn hat jetzt gelesen, daß Walter Benjamin über Ernst Blochs „Spuren“ gesagt hat, es seien die Spuren, die sein Denken in jenem von Bloch hinterlassen habe.

Papst Ratzinger hat sich einst mit Ernst Bloch auseinandergesetzt: „Ernst Bloch lehrte nun in Tübingen und machte Heidegger als einen kleinen Bourgeois verächtlich.“

Und wer hat dieses geschrieben:
„Von den blechernen Instrumenten, die wenigsten ein Mäuerchen zum Einsturz gebracht gehabt haben sollen, führte der Weg zum blochernen Experimentum des tranzendentalpathetischen Sumsemanns, das praktisch gar nichts mehr bewirkt.“

Jürgen Habermas erkannte: „Für Bloch scheinen sich in erster Linie die Theologen zu interessieren.“

Deshalb muss auch der Stammtisch auf Ernst Bloch zu sprechen kommen.
Unsere endgültige Stellung zu Ernst Bloch können wir vorläufig in dem Satz zusammenfassen:
Wir werden bis in alle Ewigkeit keine endgültige Stellung gegenüber Ernst Bloch finden.

Nicht gerne wären wir dabei gewesen, als der eingebildete Dichter Biermann im September 1975 dem fast wehrlosen Ernst Bloch in seinem Tübinger Heim das grausige „Bloch-Lied“ vorlas und womöglich vormusizierte. Sehr gern aber wären wir dabei gewesen, als Karola Bloch im Tübinger Kaufladen „Raga“ mit den Worten „Haben Sie einen Bademantel für Errnst Blooch?“ einen Bademantel für Ernst Bloch einkaufen wollte. Wie wenn sie dort seit Jahrzehnten die Ware danach begutachtet hätten, ob sie denn eigentlich für Ernst Bloch angemessen sei.

29
Dez
10

Finger weg vom „Also“

Möwen in der Nähe des Hölderlin-Turms

Tübingen verfügt seit Jahren über ein stattliches Holzhäuschen auf der Platanen-Allee, das nach Ludwig van Beethoven benannt ist. Hier werden die zahlreichen Tübinger Tauben gut versorgt. Auch die ganz verderbten Schwäne sind durch fütterungssüchtige Tierschützerinnen bestens versorgt.
Aber wie steht es um die Möwen, die, folgt man Paul Celan, die schwimmenden Hölderlin-Turm umschwirren.

Ja, da ist guter Rat teuer.

Niemand in der Stadt weiß genau, wie mit ihnen umzugehen sei.

Der Vogelkundler Hugo Ball sagt:
„Man soll eine Möwe, die in der Sonne die Schwingen putzt, auf sich beruhen lassen und nicht „also“ zu ihr sagen. Sie leidet darunter.“
Also bitte das Wort „also“ nicht aussprechen, wenn Möwen gerad ihrem hölderlintürmlichen Schwirrgeschäft obliegen. Mehr können wir grad auch nicht aufbieten.

Wir bemühen uns aber weiter.

Vielleicht kommt noch mehr rein.

28
Dez
10

Meinung von Musik

Maria Hellwig ist tot (gestorben)

„Hört meine letzten Worte. Wo ihr auch seid, hört alle meine letzten Worte.“ So könnten eventuell die letzten Wort des Stammtischs Unser Huhn lauten. Und dann kommt nix mehr.

Nun ist aber gar nicht der Stammtisch verschieden. Nein, Maria Hellwig ist tot. Neulich gestorben. Nach einer Woche im Krankenhaus von Reit im Winkl. Nur 90 Jahre alt. Im „Neuen Deutschland“ erschien dazu unter der Überschrift „Ein Fall für Wikileaks“ ein Nachruf. Den haben wir nicht gelesen. Aber einen Leserbrief: „Der „Nachruf“ zum Tod der Volkssängerin Maria Hellwig hat mich einigermaßen schockiert. Was da fabriziert wurde, dient unserer doch eigentlich fairen, offenen Zeitung nicht zum Guten. Der Autor muss ja kein Freund der Volksmusik sein, aber er muss doch wohl akzeptieren, daß nicht alle seiner offenbar anderen Meinung von Musik sind.

Ich bin in einer gesunden Arbeiterfamilie aufgewachsen und habe von Kind an die klare Schönheit der Volks- und Wanderlieder geliebt. Melodien wie „Ännchen von Tharau“, das Heideröschen oder „Dat Du min Leevsten bist“ brauchen den Vergleich mit den „Erzeugnissen“ der zahllosen „Superstars“ nicht zu scheuen. Dort ist Volkskultur, Harmonie, Melodie, die, glaube ich, heute den Kindern, der Jugend vorenthalten wird. Machen Sie eine Umfrage, was von dem Volksgut den Kindern noch bekannt ist.“
Unterschrieben von Gerhard Stockenberg, 15230 Frankfurt (Oder).

Ja, das ist auch der rechte Geist.

28
Dez
10

Im Nebel

Mit dabei sein

„Ein Mann, der bei „Spiegel oinkline“ schreibt, beschäftigt sich heute ebendort mit dem „Erfolg“ der grünen Partei. „Spiegel oinkline“, sagt er, war, „im Nebel“, beim Bundesparteitag der Grünen in Freiburg dabei. Ende November. „
400 Journalisten sind akkreditiert. Die Grünen sind auf dem Weg zur Volkspartei – und viele wollen mit dabei sein.“

Ja, das ist der rechte Geist.