Archiv für Februar 2011

28
Feb
11

Der Stammtisch Unser Huhn antwortet:

Was ist Situationismus?

Es ist Dienstagabend.
Guy Debord
geht über den Tübinger Europaplatz.
Er kommt von einem Vortrag
im Club Voltaire.
Ein schwäbischer Landmann,
vermutlich unter Alkohol stehend,
braust mit seinem Rasenmäher heran
Guy Debord wird der rechte Fuß abgefahren.
Guy Debord wird abtransportiert.
Der Fuß bleibt zurück.
Der Stammtisch Unser Huhn
schaut aus dem Fenster der Papstgaststätte,
„erkennt die Lage“ (Gottfired Benn), eilt hinzu,
schnappt sich den Fuß, den noch der Schuh umhüllt.
Warum?
Da gibt es auf der Straße vor der Papstgaststätte
am Bussteig einen Kanaldeckel,
der immer ganz doof Klickklack macht,
wenn ein Bus drüberfährt.
Den Fuß Debords hat der Stammtisch Unser Huhn
so geschickt an der kritischen Kanaldeckel-Stelle eingeklemmt,
dass der Störenfried nicht mehr klappern soll.

Und? Klappert er noch?
Nein.

2) In Sibratsgfäll
stellten die Situationisten
übrigens einige Wahlperioden den Bürgermeister.
Der Gemeinderat bestand ebenfalls
in seiner Gesamtheit ausSituationisten.
Sie gestalteten aber die Politik nicht anders
als vorher, ohne dass die Bürger
dies überhaupt bemerkten.

Es blieb bei vierhundert Einwohnern
und zwölf Kneipen.

Die Zahl der Menschen,
die in jeder Hausverbot hatten,
war über die Jahre der Herrschaft
der Situationisten hinweg ziemlich gleich verteilt.

3) Der Stammtisch Unser Huhn
weiß ganz genau um die Bedeutung
von Goethes Wort:
„Entscheidend ist die Forderung des Augenblicks.“
Deshalb ist er darangegangen,
„Dithyramben über die schönste Situation“
(Friedrich Schlegel) in großer Zahl
zu verfassen.
Aber wohl auch hier steht uns „eine Epoche
katastrophaler Niederlagen vor der Tür“ (Lenin)
Die Frage ist nur:
„Wolle mer se roilosse?“
(Margit Sponheimer)

Advertisements
27
Feb
11

Hölderlin als Gewaltmullah

Protokoll einer hölderlinschen Hutverfehlung

Am 10. November des Jahres 1789, es war ein Dienstag, begab sich der Tübinger Mägdlein-Provisor Majer ins Stift, um bei Ephorus Schnurrer folgende Beschwerde einzubringen:
Er sei die Münzgasse herunter gegangen, neben ihm her sei ein Stipendiat gekommen, vom Neuenbau gegenüber sei dieser von einer Seite der Straße auf die andere auf ihn zugeloffen, und hab ihm den Hut von dem Kopf auf den Boden geschlagen, mit den Worten: Weiß er daß es seine schuldigkeit ist vor
einem Stipendiaten den Hut abzunehmen. Er Kläger habe sich sodann gegen den Stipendiaten erklärt, er wolle sogleich eine Anzeige bei dem Ephoro machen, der Stipendiat habe erwidert: es sei ganz recht, er wolle mit ihm gehen. So seien sie beide durch den Burschhof gegen das Ephorat-Haus gegangen; unter dem Hause aber habe sich der Stipendiat getrennt und sei zum Klostertor hereingegangen. Er Provisor, habe gleich unter dem Tor gefragt, wer der Stipendiat sei, und zur Antwort bekommen: er heiße Hölderlin.
Ich der Ephorus ließ sogleich nach geendigtem Abendessen den Candidatus Hoelderlin vortreten. Er leugnete auch die Sache nicht und berief sich nur darauf, daß der Provisor sichs ganz eigentlich zur Gewhnheit mache, vor keinem Stipendiaten den Hut abzunehmen. Überhaupt aber bezeigte sich der Beklagte bei seiner Entschuldigung anständig und bescheiden.Dem Provisor soll aber auch, durch den Herrn Special Dr. Märklin, beditten werden, daß er es künftig an der Höflichkeit gegen die Stipendiaten nicht ermangeln lassen soll.
Candidatus Hoelderlin wird mit Sechs Stunden Karzer ob publicas injurias erga ludimagistrum bestraft.

Die Hutverstörung
Dieser Vorfall hat nachmalig Peter Härtling, den vollkundigen Autor „keiner Biographie“ nachhaltig verstört. Härtling wurde in Sachen seiner Hölderlin -“Annäherung“ von dem Göckeles-Maier der deutschen Literatur, Peter Roos, in einem Buch mit dem Titel „Gespräche über Literatur und Tübingen“ gefragt: „Hatten Sie Visionen, wenn Sie meinetwegen durch die Bursa-Gasse gelaufen sind: Jetzt könnte mir der Hölderlin begegnen!“
Härtling antwortete darauf: „Es gibt eine Szene, die rätselhaft bleibt für mich…In der Bursa-Gasse hat der junge Hölderlin einem Mädchen-Schullehrer, einem Herrn Maier, den Hut vom Kopf geschlagen, ganz unvermittelt. Weswegen er auch mit Karzer bestraft wurde. Das war einer sonst kaum überlieferten Jähzorn-Anfälle. Gefragt, weshalb er dem Herrn Maier den Hut vom Kopf geschlagen habe, hat er geantwortet, der Herr Maier habe ihn nicht gegrüßt und nicht den Hut vom Kopf genommen, obwohl das ein Provisor (das waren die Hilfslehrer) tun müsse, und Herr Maier habe auch andere Stiftler durch dieses Benhmen verletzt. Der Widerspruch zwischen dem politischen Denken Hölderlins und dieser Aktion hat mich sehr beschäftigt. Und diese Vision hatte ich eigentlich in der Bursa-Gasse, daß ich den da gehen und zuschlagen sah. Diese Szene ist für mich in ihrer Rätselhaftigkeit eine dauernde Kränkung.“
Härtling sah den Sanftmütigen hier als Gewaltmullah und Krawallschachtel tätig. Vielleicht war ihm Hölderlin neidisch, weil der Maier selber dichtete und besser, schneller und leichter? Wissen wirs denn, ob sich nicht auf den Dachböden der Stadt noch Manuskriptberge finden werden?


Acht Zeilen über den dem Provisor M. von dem Candidatus Friedrich H. in der Bursagasse der Stadt T. vom Kopf geschlagenen Hut und die dadurch bei dem Dichter Peter H. ausgelöste

Betroffenheit

Was so einst in der Bursagasse geschah-
Sie begegneten dort einem Lehrertropf.
Der grüßte nicht, und Sie, Herr H.,
schlugen ihm den Hut vom Kopf.

Warum nur taten Sie dem Lehrerspitz
dies an? Es kränkt den Peter so sehre.
Sie wären sonst genauso ein Fritz,
wie’s ihm am liebsten wäre.

26
Feb
11

Falk. W. Föll ist ganz bei Trost

Und, als Stv. Stadtverbandsvorsitzender CDU Mössingen, Ass.jur.

„Sind wir noch ganz bei Trost?“ Frägt gestern in einem Leserbrief an die Lokalzeitung ein „Ass.jur., Mag.rer.publ., Maj.d.R., Stv. Stadtverbandsvorsitzender CDU, Mössingen“. Warum sollen „wir“ nicht mehr bei Trost sein? Nun, weil „Nordafrika brennt, Arabien brennt!“ Und „in Afrika, in Asien, in großen und in kleinen Staaten, selbst in China gehen die Menschen unter Lebensgefahr auf die Straßen.“ Was tun sie da? „Schreien nach Freiheit.“ Und, so frägt Falk W. Föll, eben jener Ass.jur. und Leserbriefschreiber: „Gibt dies eine Weltrevolution?“ Na, wer weiß das schon? Eine „Weltrevolution“ träte vermutlich erst dann ein, wenn auch in Mössingen nach Freiheit schreiende Menschen in großer Zahl unterwegs wären, um die Herrschaft des Mappi Schnappi und seiner Leute radikal zu beenden. Aber, meint Falk W. Föll (nicht vergessen: Ass.jur), „aber wir Deutschen haben ja nichts Besseres zu tun, als im Bundestag Kindergartenspielchen zu veranstalten.“ Statt Weltrevolution und Freiheitsgeschrei Kindergarten! So sind „wir Deutschen“ halt!
Jedoch der Möss. Ass.jur. meint natürlich nicht solche „Weltrevolution“. Wie käme er dazu? Er „denkt“ an den gutten KT. Und die Kindergartenspielchen-Kampagne, die gegen ihn geführt wird.

Voll Föll, ej!
Eben ein „Ass.hole“. Nee, Ass.jur. Sowie Mag.rer.pupl. Nach eigenem Geständnis.

Wir wollen nicht schon wieder den hübschen Zweizeiler Jakob Haringers zitieren, welcher da lautet:
Wer zu blöd fürn ärgsten Mist,
wird ein teutscher Saujurist.

Aber, so fragen wir vom Stammtisch Unser Huhn Herrn Falk.W. Föll: Ob er nicht woanders als in Leserbriefen ass.jur.pupl.dumm sein könnte, dorten, wo es keiner merkt? Bei seinem Stadtverband zum Beispiel?

25
Feb
11

Von Tübinger Hüten im Ochsenstall

Hier: Hölderlin, Hegel, Schelling


Einmal, es war vor vielen Monaten drüben im Stift, da hatte der in diesen Dingen geschickte Schelling dem Ochsenstallzimmerkollegen Hegel das schwarze Stipendiatenkäppchen gestopft und Hegel sagte mit einem dankbaren Lächeln in den späten Nachmittag hinein: „Vielen Dank, lieber Friedrich Wilhelm Joseph, für die Wiederherstellung des Käppchenansichs. Du weißt, ein geflicktes Käppchen ist doch immer noch besser wie ein zerrissenes und eine ausgebesserte Bommelmütze besser wie ein löchriger Hut. Das Selbstbewußtsein hingegen….“

Aber da platzte das Hölderle, von einem Spaziergang zum nahen Spitzberg oder einem Ausflug zum Kaukasus kommend, Hölderlin himself also in die Szene und rief: „Was hülfe es denn dem Menschen, insonderheit dem Stiftsstipendiaten, das leere Köpfchen ins Käppchen zu stecken und die Füßchen ins Wasser, wenn es nicht heilignüchtern ist? Vom Schwänzchen in der Höhe gar nicht zu reden!“ Und schon waren sie darangegangen, das älteste Systemprogramm des Tübinger Stiftsstipendiatenkäppchenbewußtseins in ersten Ansätzen zu entwickeln, welches bekanntlich bis heute nachwirkt.

Gegen später las Hegel den anderen noch aus seinem Notizbuch vor, was er den Nachmittag aufgeschrieben hatte: „Sei keine Schlafmütze, sondern immer wach! Denn wenn Du eine Schlafmütze bist, so bist Du blind und stumm. Bist Du aber wach, so siehst Du alles und sagst zu allem, was es ist. Dieses aber ist die Vernunft und das Beherrschen der Welt.“

Hölderlin sagte, schon schläfrig: „Das ist eine gewisse Wahrheit.“ Dann legten sie sich nieder und sie träumten selbander von Käppchen, die man nie flicken und von Hüten, die man nie vor Herrschaften ziehen müsste. Mitten in der Nacht stand Hegel leise noch einmal auf, zündete eine Kerze an, leuchtete seinen Hut aus und flüsterte hinein: „Das verschlossene Wesen des Hut-Universums hat keine Kraft in sich, welche dem Mute des Erkennens Widerstand leisten könnte, es muß sich vor ihm auftun und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse bringen.“ Hölderlin murmelte im Schlaf: „Guck nicht soviel hinein, es ist kannibalisch.“ Hegel stutzte kurz, dann aber drehte er der Kerze den Kragen ab, warf sich auf seinen Strohsack und schlief in voller Zufriedenheit durch bis zum Morgengrauen.

24
Feb
11

Tauchgang zum Dichter H.

Eine Bücherfest-„Stadtführung“ zwischen drei oder vier Bäumen, veranstaltet vom Tübinger Stammtisch Unser Huhn

„Mutti, was machen die Leute da am Neckarufer?“ So wird es im Mai heißen, wenn der Stammtisch Unser Huhn beim Tübinger Bücherfest eine seiner übel beleumundeten Stadtführungen („Beutelschneider!“, Schwäbisches Tagblatt) anbietet. Stuttgart hat bekanntlich S 21. Tübingen hat aber auch ein Wahnsinnsprojekt: den Dichter Hölderlin. In Sichtweite seines und des Tauben-Turmes wandeln die Teilnehmer auf der Platanenallee auf und ab, zwischen drei oder vier Bäumen, um seine Ausmaße deutlich zu machen. Der Stammtisch richtet einen streng wissenschaftlichen Wortsalat an, lässt Kommas aufmarschieren, beaugenscheinigt „Das Rettende“, beschimpft die Schwäne und unternimmt einen Tauchgang in die seichten Tiefen des Neckars. Mit dabei: die große grüne Wollunterhose des Umnachteten. Ein „Tübingen macht Blau“-derstündchen der Sonderklasse. Ein neues schabernackalisches Scheinmanöver des Stammtischs Unser Huhn, der für einen Kulturcent nicht zu haben ist. Teilnahme nur mit intaktem Regenschirm. Achtung: Der Auftritt wird durch Taschendiebstahl finanziert. Bitte pünktlich! Wir sind nicht Grube.

Wer also unbedingt mittun will:
Treffpunkt am Samstag, den 28. Mai, um 14.30 Uhr, an der Treppe der Eberhardsbrücke.

23
Feb
11

Einige Begegnungen

Kein Gerede über von und zu Guttenberg

Keynes trifft Wittgenstein am Bahnhof. Hinterher erzählt er allen möglichen Leuten: „Gott ist angekommen. Ich traf ihn im Fünf-Uhr-Fünfzehn-Zug.“ Der Stammtisch Unser Huhn, der ja in der Papstgaststätte am Europaplatz residiert, praktisch einem Außenposten-Bestandteil des Bahnhofs, ist dort weder Keynes noch Wittgenstein je begegnet.
Mit den Begegnungen „is das ja mal so ne Sache!“ (Henry Vahl). In der Literatur kann man nachlesen, dass es einen jungen Engländer gegeben haben muss, der so schön war wie die unerwartete Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch. Auch haben wir von der Begegnung eines Dichters mit seinem Seelenleben gelesen, das sich, weil „sie“ ihn „nicht liebt“, so gestaltet, als würde eine Nähmaschine einen Scheißhaufen auf einer Mülltonne festnageln müssen.
Heute übrigens kann man dem Stammtisch Unser nicht begegnen. Er möchte nicht Menschen begegnen, die den Fall Guttenberg debattieren wollen. Uns bekümmert nicht diese traurige Figur, uns interessiert „das Gespenstische des Geschehens“ (R. Musil).

22
Feb
11

Thomas Kapielski taucht in Tübingen auf

Es geht eine Nasenflöt‘ herein

Wem ist denn schon aufgefallen, außer uns vom Stammtisch Unser Huhn, daß Goethe weder in der „Iphigenie“ noch im “Torquato Tasso” das Wort Gelb vorkommen lässt bzw. in beiden Arbeiten die Farbe Gelb strikt vermeidet? Tübingen macht Gelb, Goethe offenbar nicht. Was das zu bedeuten haben könnte, wissen wir freilich noch nicht.
Dafür steht wohl fest, das Thomas Kapielski nach Tübingen zu einer Lesung kommt. Zumindest hat das der “Club Majakowski” verkündet. Er hat den Berliner eingeladen, dass er sein
“Gesamtluftwerk gegen Verflachung und Salonüberdruss!” in einer “Ein-Mann-Performance” ausbläst, im Kino Löwen, am Donnerstag um 20 Uhr.
“Wir sehn uns.” (Karl Lagerfeld) “Vieleicht” (F. Hölderlin).